Zeit für einen gemeinsamen Kaffee in der Wohnküche auf dem Turnerweg in EssenStoppenberg. Mette Michels sitzt am Tisch und lächelt. „Ich habe wirklich Glück“, sagt die 21-Jährige. Die Psychologiestudentin wohnt mietfrei in einer VIVAWEST-Wohnung – ein helles WG-Zimmer mit eigenem Bad und gemütlicher Wohnküche in zentraler Lage. Möglich macht das die Initiative „Tausche Bildung für Wohnen“, die junge Menschen als Bildungspaten in sozial benachteiligte Stadtteile vermittelt (siehe Infokasten).
Das Konzept: Studenten und Freiwilligendienstleistende engagieren sich ehrenamtlich in der Lernförderung von Kindern und erhalten im Gegenzug kostenlosen Wohnraum, ein monatliches Taschengeld sowie pädagogische Begleitung. „Für mich als Bildungspatin werden Strom und Gas vom Verein übernommen. Das ist eine große Entlastung“, so Michels, die Psychologie in Koblenz studiert, aber viele Seminare online besucht und so in Essen praktische Erfahrung mit Kindern sammeln kann. „Ich möchte später Kinder- und Jugendpsychotherapeutin werden. Hier bekomme ich Einblicke, was Kinder fachlich, aber auch emotional brauchen.“
Stiftung unterstützt Projekt
Das Projekt startete 2012 in Duisburg-Marxloh und wird seit 2018 von der Vivawest Stiftung unterstützt. In Essen-Stoppenberg stellt VIVAWEST die Wohnung für die Initiative bereit. Michels teilt sie sich mit Paula Koppe, die ebenfalls im August 2025 eingezogen ist. Die 19-Jährige aus Dresden leistet ihren Bundesfreiwilligendienst als Bildungspatin. „Ich wollte nach dem Abitur etwas Sinnvolles machen, bevor ich Biotechnologie studiere. Gerne auch in einer anderen Stadt“, sagt sie. Über Instagram stieß sie auf das Projekt. „Ich hatte vorher kaum Erfahrung mit Kindern, aber wir wurden hier gut vorbereitet.“
Hilfe in der Tauschbar
Der Einsatzort der beiden Bildungspatinnen ist die Tauschbar in Essen-Katernberg, mit dem Fahrrad nur 15 Minuten von ihrer Wohngemeinschaft entfernt. Hier treffen sich wochentags jeden Nachmittag rund 40 Kinder zwischen fünf und 13 Jahren. Sobald sie ankommen, stürmen sie ins Spielzimmer. Der Ablauf ist ritualisiert: Hausschuhe anziehen, Hände waschen. Dann wird gespielt oder entspannt, bevor es an die Schulaufgaben geht.
„Viele kommen aus Familien mit Migrationsgeschichte oder haben Lernschwierigkeiten. Und weil wir gemerkt haben, dass viele Kinder keinen Kitaplatz haben, betreuen wir inzwischen auch Vorschulkinder“, erklärt Sabrina Podschies. Sie ist studierten Umweltwissenschaftler Stephan Köppen-Lübbers begleitet sie die Bildungspatinnen, koordiniert das Projekt und übernimmt die pädagogische Qualifizierung.
„Unsere Lernförderung ist aber keine klassische Nachhilfe“, betont Podschies. „Unsere Bildungspatinnen sind eher Vorbild und Mentorin. Es geht auch um Bindung und Vertrauen, das ist wichtig.“
Bildungspatin Mette Michels teilt diese Einschätzung. „Die Herkunft der Kids und ihr Sprachniveau sind ganz unterschiedlich. Das ist eine Herausforderung und macht gleichzeitig sehr viel Spaß. Ich kann hier viel geben und auch mitnehmen.“ Sie und ihre WG-Mitbewohnerin verbringen in der Tauschbar wöchentlich viele Stunden, je nach Studien- oder Dienstplan.
Viel Platz zum Toben
Im Lernraum kehrt am Nachmittag Ruhe ein, meistens dann, wenn die Hausaufgaben anstehen. Doch manchmal geht es auch nach draußen. Denn am Essener Standort gibt es eine Besonderheit: ein 1,3 Hektar großes Gartengelände mit Beeten und einem Gewächshaus. Darüber freut sich Köppen-Lübbers, der den Standort 2022 mit aufbaute: „Dort erleben die Kinder Natur. Sie pflanzen, jäten und ernten.“
Für den Standortleiter ist klar, dass solche Projekte Wirkung zeigen: „Die Stadtteile profitieren, weil junge, engagierte Menschen präsent sind, die Kinder bekommen eine individuelle Förderung – und die Bildungspaten sammeln wertvolle Erfahrungen fürs Leben.“ Gleichzeitig betont Köppen-Lübbers die Bedeutung verlässlicher Partner. „Bei der Projektgründung in Marxloh gab es viel Leerstand. Heute ist Wohnraum überall knapp. Da ist es wichtig, dass VIVAWEST uns wie hier in Essen weiter unterstützt. Ohne diese Hilfe wäre das Projekt in dieser Form nicht möglich.“
Auch Michels und Koppe sind überzeugt von dem Konzept. Beide könnten sich sogar vorstellen, in Essen zu bleiben – nicht nur wegen der guten Erfahrungen: „Ich finde es spannend zu sehen, wie anders Kinder denken – wie offen, direkt und gleichzeitig sensibel sie sind. Und ich mag das Leben hier. Es ist ruhig und alles fußläufig zu erreichen – das hätte ich anfangs nicht gedacht“, so Koppe.